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Sonntag, 21. August 2016

Der Esel, der Vater und der Sohn

Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagshitze durch die staubigen Gassen. Der Sohn führte und der Vater saß auf dem Esel.
“Der arme kleine Junge”, sagte ein vorbeigehender Mann. “Seine kurzen Beine versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man nur so faul auf dem Esel sitzen, wenn man sieht, dass das Kind sich müde läuft?”
Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen.
Es dauerte nicht lange, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: “So eine Unverschämtheit! Sitzt doch der kleine Bengel wie ein König auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.” Dies tat nun dem Jungen leid und er bat seinen Vater, sich mit ihm auf den Esel zu setzen.
“Ja, gibt es sowas?”, sagte eine alte Frau. “So eine Tierquälerei! Dem armen Esel hängt der Rücken durch und der junge und der alte Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus. Der arme Esel!”
Vater und Sohn sahen sich an, stiegen beide vom Esel herunter und gingen neben dem Esel her. Dann begegnete ihnen ein Mann, der sich über sie lustig machte: “Wie kann man bloß so dumm sein? Wofür hat man einen Esel, wenn er einen nicht tragen kann?”
Der Vater gab dem Esel zu trinken und legte dann die Hand auf die Schulter seines Sohnes. “Egal, was wir machen”, sagte er, “es gibt immer jemanden, der damit nicht einverstanden ist. Ab jetzt tun wir das, was wir selber für richtig halten!” Der Sohn nickte zustimmend.
(Aus dem Buch „Der Kaufmann und der Papagei“ von Nossrat Peseschkian.)

Dienstag, 4. November 2014

Wenn ich sitze, dann sitze ich …

Eine kleine Geschichte über die Gegenwart:

Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt,
warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer
so gesammelt sein könne.

Dieser sagte:
„Wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
und wenn ich ankomme, dann komme ich an … “

Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten:
„Das tun wir auch, aber was machst du noch darüber hinaus?“

Er sagte wiederum:
„Wenn ich sitze, dann sitze ich,
wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
und wenn ich ankomme, dann komme ich an … “

Wieder sagten die Leute:
„Das tun wir doch auch!“

Er aber sagte zu ihnen:
„Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon,
wenn ihr steht, dann geht ihr schon,
wenn ihr geht, dann glaubt ihr euch schon am Ziel … “

(Quelle ist mir unbekannt)
Pdf: http://goo.gl/3cssWY

Dienstag, 29. April 2014

Nägel im Zaun

Es war einmal ein Junge mit einem schwierigen Charakter. Er war aufbrausend, und ständig stritt er mit anderen, oft um Kleinigkeiten.
Eines Tages gab ihm sein Vater einen Beutel mit Nägeln mit folgendem Auftrag: Jedes Mal, wenn er wütend wird, die Geduld verliert oder streitet, solle er einen Nagel in den Gartenzaun schlagen. Am ersten Tag schlug der Junge 17 Nägel in den Zaun. Doch in den folgenden Wochen wurden die Nägel, die er einschlagen musste, nach und nach weniger. Er war zu der Einsicht gekommen, dass es einfacher war, sich zu beherrschen, als ständig Nägel einzuschlagen.
Schließlich kam der Tag, an dem er keinen einzigen Nagel mehr in den Zaun schlug. Er ging zu seinem Vater und erzählte es ihm.
Der lobte ihn und bat ihn, nun an jedem Tag einen Nagel wieder herauszuziehen, an dem es ihm wieder gelang, sein Temperament zu zügeln.
Viele Tage vergingen, denn es steckten ja viele Nägel im Zaun. Aber dann war es geschafft und der Sohn konnte seinem Vater berichten, dass alle Nägel aus dem Zaun entfernt seien.
Bedächtig ging der Vater mit dem Sohn zum Zaun und sagte zu ihm: „Mein Sohn, du hast dich in den letzten Wochen sehr gut benommen. Aber schau, wie viele Löcher du in dem Zaun hinterlassen hast. Er wird nie mehr der gleiche sein.
Jedes Mal, wenn du Streit mit jemandem hast und ihn beleidigst, bleiben Wunden zurück – wie diese Löcher im Zaun. Und diese Wunden, die du durch Worte verursachst, tun genauso weh wie körperliche Wunden.
Ganz egal, wie oft du dich entschuldigst, die Wunden werden bleiben. Sei also in deinem weiteren Leben sehr achtsam mit deinen Worten, denn nur wenige Menschen sind in der Lage, dir wirklich aus tiefstem Herzen und voller Liebe zu verzeihen, sodass Heilung für euch beide geschehen kann.“
So gingen sie zum Haus zurück und als Erinnerung an die Worte seines Vaters trug der Sohn stets einen kleinen Nagel bei sich, den er in besonders schwierigen Situationen liebevoll mit der Hand umschloss, und so gelang es ihm, mit allen Menschen friedvoll umzugehen.
(unbekannter Autor)

Überarbeitet, Quelle: http://goo.gl/esj9M5

Montag, 1. September 2008

Der Nawumba

(...)
"Das ist ein Beutel mit kleinen weichen, lieben Dingen
Wenn du magst kannst du dich da reinkuscheln und bist geschützt vor allen bösen Dingen in der Welt, da kann dir niemand was anhaben.
Wenn jemand einmal einen Nawumbasack bekommen hat, möchte er ihn nie wieder hergeben. Wenn man sich in den Nawumbasack eingewickelt hat, sieht man auch nur mehr alles Gute.
Aber der ist gar nicht neu, den gibt es schon sehr lange."

Ursprünglich kommt der Nawumba von meinem Heimatplaneten. Dort hat man viel Zeit. Zeit ist dort eine willkommenes Gut im Überfluss und man verwendet sie auch mit großem Respekt. Mein Urgroßvater hat dort einen solchen Nawumba geschnitzt. Zuweilen sagte man zu so manch handwerklicher Kunst Schnitzen, auch wenn es nicht direkt etwas mit Schnitzen zu tun hatte. Aber man mochte das Wort einfach. Mein Urgroßvater hat wunderbare Nawunbas geschnitzt und einen davon hat er mir gegeben, eines Tages, als der goldene Wärmeschatz sich noch hoch gen Himmel hob. Wir saßen damals zusammen auf der Weißholzbank und sahen in die weite Degesche, vor der unser tiefblauer Quanuk lag, in dem wir uns manchmal abkühlten, wenn der Tag sich von seiner heißeren Seite zeigte. Mein Zuhause war groß, sehr groß, aber jeder hatte eben soviel, wie er sich wünschte - denn Platz war ja mehr als genug da. Mein Planet war gütig zu den Menschen, weil die Menschen gütig und liebevoll zu ihm waren. Die Natur war ihr Freund, genauso mochte die Natur ihre ehrlichen Bewohner.
Etwas verträumt blinzelte ich seinen Rauchkunstwerken nach, die sich im Licht des angehenden Tages langsam zerstreuten, nachdem sie von seiner Berberholzpfeife in die Höhe gestiegen waren. Mein Urgroßvater - man muss wissen, dass die Menschen auf meinem Planeten viel älter geworden sind, als man es sich heute so allgemein vorstellt - sah mich mit seinen munteren Augen tief und herzvoll an und reichte mir voll Freude einen kleines Gebinde, das er aus seinem weiten Mantel zog. Mein Urgroßvater war ein einfacher Mann und machte nie viel Aufhebens; auch nicht wenn es sich um große Dinge handelte. Und zweifellos zählte dies zu den großen Augenblicken meines Lebens.
"Der ist für dich. Weißt du was das ist?"
"Nein", erwiderte ich.
"Dann will ich dir eine kleine Geschichte erzählen. Er bekam seinen Namen von den Alten, die noch die ewige, die ursprüngliche Sprache, gebrauchten. Sie nannten ihn Nawumba; heute würde man dieses Wort mit "leuchtender Federtanz" umschreiben. Die Menschen haben damals entdeckt, dass sie ihre Gefühle in bestimmte Dinge legen konnten; dass sie also etwas schaffen konnten, das gute Gefühlskräfte weitertrug und in sich große Kraft vereinte. Man übte sich in diesen Dingen und schuf so in einer Vereinigung von Geist und Handwerk wunderbare Dinge. Man konnte, wenn man genau hinsah, sogar ein feines Leuchten von diesen Gegenständen ausgehen sehen. Das wunderbarste, was man aber schuf, war dieser "leuchtende Federtanz", der Nawumba. Dies war das Meisterstück der Alten. Man kann sagen, dass sich der lodernde Ball des Wärmeschatzes selbst in ihm befand, ohne zu verbrennen, ohne zu blenden, und jeder, der ihn in der Hand hielt, spürte seine schützende Kraft in sich aufsteigen. Nur ein Mensch voll tiefgründiger Liebe konnte den Nawumba zu seiner Vollendung bringen und es begann der Brauch, dass man ihn weitergab an Menschen, die einem wichtiger waren als alles in der Welt, die man über alles liebte. Und man legte all die Liebe zu dem Menschen hinein, während man am Nawumba arbeitete, all die guten Gedanken, die man für diesen besonderen Menschen hegte. Und wenn dieser dann in all seiner Einzigartigkeit vollendet war, legte man den "leuchtenden Federtanz" seinem innig Verbundenen in die Hand, mit einem tiefen Seelenblick."

20.09.2007

Donnerstag, 16. August 2007

Die Kraft des Wortes (islamische Geschichte)

Eine Geschichte erzählt von einem Sufi (islamischer Mystiker), der ein krankes Kind heilte. Er wiederholte einige Worte, dann gab er das Kind seinen Eltern und sagte: „Nun wird es gesund werden.“ Jemand, der dies nicht glauben wollte, warf ein: „Wie kann es möglich sein, dass irgend jemand durch ein paar wiederholte Worte geheilt werden kann?“
Von einem sanften Sufi erwartet niemand eine zornige Antwort, doch jetzt drehte er sich zu dem Mann um und entgegnete heftig: „Du verstehst nichts davon. Du bist ein Narr!“
Der Mann fühlte sich sehr beleidigt. Sein Gesicht rötete sich und er wurde sehr wütend. Der Sufi sagte nur ganz ruhig: „Wenn ein Wort die Kraft hat, dich wütend zu machen, warum sollte ein Wort nicht auch die Kraft haben, zu heilen?“
Hazrat Inayat Khan